Andacht von Prälatin Gabriele Arnold
Prälatin Gabriele Arnold

Hebräer 10,35

Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.


Liebe Schwestern und Brüder
Vertrauen ist lebensnotwendig. Man wirft es nicht leichtfertig weg. Wie lebensnotwendig es ist, merken wir gerade in diesen Tagen. So vieles, was bisher selbstverständlich erschien, ist auf einmal hinfällig. Der Besuch im Restau-rant, der sonntägliche Gottesdienst, ja sogar das Treffen mit Freunden und Familienmit-gliedern. Das kann einen beunruhigen und einem den Boden unter den Füßen wegzie-hen. Es ist ja auch wirklich schwer sich so um-zustellen - ich merke auch wie mich das manchmal beunruhigt und jedenfalls dau-ernd herausfordert. Trotzdem denke ich, dass wir in dieser Situation auf die Ratschläge und Anweisungen aus Politik, von Medizinern und nicht zuletzt der Kirchenleitung vertrauen sollten. Ich vertraue darauf, dass alle, die jetzt wichtige und weit reichende Entscheidungen treffen das mit bestem Wissen und Gewissen tun.

Die Menschen, an die der Verfasser des Heb-räerbriefes geschrieben hat, lebten in Gefahr ihr Vertrauen in Gott zu verlieren. Sie hatten Angst, nackte Angst um ihr Leben. Wir können uns überhaupt nicht mehr vorstellen, was es damals bedeutete, Christ zu sein. Es war le-bensgefährlich sich zum Gottesdienst zu tref-fen oder sich taufen zu lassen. Nicht so wie heute, wo wir uns für einige Wochen ein-schränken müssen und ja, sogar Tauffeiern und Konfirmationen verschieben müssen. Die Menschen damals haben ihren Glauben an Jesus festgehalten, weil sie sich ganz sicher waren, dass Jesus bald wiederkommen wür-de. Dann, so waren sie sich sicher, würde ihr Leid zu Ende sein. Da würde sich etwas än-dern, dann würde ihnen Gerechtigkeit wie-derfahren. Sie haben gewartet mit brennen-der Geduld, ganz konzentriert. Sie haben ge-wartet und ihr Leben gestaltet, ganz ange-spannt, ganz konzentriert und doch mit gro-ßer Geduld.

Ihr Vertrauen und ihr Warten hat zusammen-gehört. Sie haben wirklich darauf vertraut, dass Jesus wiederkommt und gewartet, und deshalb konnten sie die Anfeindungen, die Verleumdungen, die Verfolgungen und die Todesgefahr aushalten.
Aber dann kam er nicht. Und das Warten wurde lang und langweilig und das Vertrauen in Gott schwand und der Glaube war nicht mehr brennend, sondern fühlte sich an wie lauwarme Suppe oder wie Salat, der zulange angemacht auf dem Tisch steht.

Wozu kämpfen? Wozu leiden? Wozu noch glauben und hoffen? Wozu auf Gerechtigkeit warten, die doch nicht kommt? Das süße Gift der Resignation hatte sich in alle Winkel und Ecken eingenistet. Das Leben schmeckte nach gar nichts. Der Glaube schien bedeutungslos.

Liebe Gemeinde machen wir es wie unser Glaubensgeschwister vor so langer Zeit. Ver-trauen wir doch auf Gott, vertrauen wir doch ins Leben.

Werft euer Vertrauen nicht weg.

Gott hat versprochen bei uns zu sein. Er hat versprochen uns zu behüten an Leib und See-le und er hat versprochen uns auch dann na-he zu sein, wenn wir krank darnieder liegen und selbst dann, wenn wir sterben müssen. Gott lässt uns nicht allein. Niemals. Und er hat uns noch mehr versprochen: Das Land ohne Tod, das Land ohne Tränen, das Land ohne Krankheit und Gefahr.

Glauben heißt, dass uns das immer wieder neu bewusst wird. Dass wir spüren, erahnen und manchmal vielleicht begreifen, dass Gott bei uns ist und uns nicht fallen lässt -unter keinen Umständen. Und genau deshalb kön-nen wir dem Leben auch trauen. Auch in die-ser Krise können wir dem Leben und dem le-bendigen Gott trauen. Ich finde es ist ein Got-tesgeschenk ganz besonderer Art, dass in die-sen Tagen die Natur so blüht und Gott uns die Erde von ihrer schönsten Seite zeigt.

In einem Lied, das wir mit den Kindern in der Kinderkirche singen, heißt es:

Jeden Morgen gießt du von Neuem Sonne Deiner Welt ins Angesicht.
Sagst: Du bist meine Schöpfung!

Jeden Morgen Gibst du Von Neuem Stimme Deinen Spatzen In die Kehle
Sagst: Ihr seid meine Lieder!

Jeden Morgen Streust du Von Neuem Hoffnung Allen Wesen Auf die Wege
Sagst: Ihr seid meine Schönheit!

Jeden Morgen Küsst du Von Neuem Farbe Deinen Blumen In die Kelche.
Sagst: Ihr seid meine Wunder!

Jeden Morgen Hauchst du Von Neuem Atem Deinen Menschen In die Herzen
Sagst: Ihr seid meine Bilder!

Glauben heißt, dieses Vertrauen, dieses Zu-trauen in das Leben und in Gott nicht wegzu-werfen.
Werft euer Vertrauen nicht weg. Beziehungen werden lebendig bleiben, auch wenn wir uns gerade nicht besuchen können. Gott hört uns, auch wenn wir gerade nicht zusammen Got-tesdienst feiern dürfen. Kinder sind von Gott bewahrt, auch wenn sie gerade nicht getauft werden. Liebende sind gesegnet, auch wenn es gerade keine Trauungen gibt. Die ganze Bi-bel ist voller Geschichten und Worte, die uns das Vertrauen zurückgeben. Vielleicht kön-nen wir die Zeit, die wir nun haben nutzen, diese Vertrauensworte und Vertrauensge-schichten in der Bibel neu zu lesen und neu zu entdecken.
Vielleicht schlagen Sie im Gesangbuch das Lied „Geh aus mein Herz und suche Freud“, auf. Das ist auch so ein Vertrauenslied. Paul Gerhard hat es in schwerer Zeit für seine Frau geschrieben, als sie von Krankheit und De-pression geplagt war. Sie ist das Herz, das ausgehen soll. Wenn es Ihnen schwer ums Herz wird, machen Sie es wie Paul Gerhard es rät. Gehen sie ins Freie und schauen sie Got-tes wunderbare Schöpfung an und stimmen sie innerlich und vielleicht mit Ihrer Stimme ein: „Ich selber kann und mag nicht ruhn, des großen Gottes großes Tun erweckt mir alle Sinne. Ich singe mit, wenn alles singt und las-se was dem Höchsten klingt aus meinem Her-zen rinnen.“
Ach ja, und vergessen Sie nicht beim Hände-waschen das Vater Unser zu beten. Mir jeden-falls hilft das in diesen Tagen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen!